Guter Ultra, böser Fan
Die Gewalt in Fußballstadien alarmiert die Politik. Wir haben einen Fanexperten zu einer Gruppe befragt, die derzeit in aller Munde ist.

VON WILLI REINERS STUTTGARTER NACHRICHTEN - SONNTAG AKTUELL, 12.11.2011
Herr Goll, was ist das eigentlich, ein Ultra?
Ultras tauchten zuerst in Südeuropa auf, besonders italienische Fans waren stilbildend. Gegen Ende der 90er Jahre wurden bei uns die ersten Gruppen gegründet, etwa in Frankfurt, Nürnberg und Stuttgart. Sie distanzierten sich ganz bewusst von den Hooligans, aber auch von den in Fanclubs organisierten Kuttenträgern. Die einen prügelten, die anderen soffen, damit wollten die Ultras nichts zu tun haben. Sie brachten einen echten Modernisierungsschub für die Fankurven, wo oft Tristesse herrschte.
Inwiefern?
Ultras wollen die eigene Mannschaft kreativ anfeuern und nicht rumproleten. Das war und ist absolut positiv für die Atmosphäre. Für die meisten jungen Leute, die heute ins Stadion gehen, führt an den Ultras kein Weg vorbei. Es sind die coolsten und fröhlichsten, aber auch die wildesten Fans. Ultras gelten als besonders engagierte Fußballanhänger.
Wie zeigen sie das?
Durch Gesänge, Fahnenschwenken und Choreografien, bei denen Hunderte Fans zusammen agieren und komplexe Tribünenbilder zeigen. Auch bengalische Feuer gehören dazu. Immer wichtiger wird, dass Ultras sich als Repräsentanten ihrer Stadt und ihres Vereins verstehen. Dabei blenden sie oft den aktuellen Spielerkader aus. Da ist dann zu hören, dass man sich die Namen der Spieler nicht merken müsse, weil die ja in ein paar Monaten ohnehin woanders wieder anheuern.
Ein Statement gegen die Kommerzialisierung. Sind Ultras Konservative, die für die guten alten Werte des Sports stehen?
Auf jeden Fall sind sie sehr traditionsbewusst. Das zeigt sich auch darin, dass sie die Stadien bei ihren angestammten Namen nennen. Sponsorennamen werden ignoriert.
Wer ist aktuell in den Stadien tonangebend? Spielen Hooligans noch eine Rolle?
Die Hooligans sind immer noch da, sie sind aber älter geworden. Wenn es um Konflikte im Stadion geht, muss man sich mit ihnen nicht mehr befassen, die toben sich höchstens außerhalb noch aus.
Demnach sind für die aktuellen Gewaltausbrüche die Ultras verantwortlich?
Ich weiß nicht, ob es immer Ultras sind. Selbst sagen sie oft, dass die Übeltäter nicht aus ihren Kreisen kommen. Das ist nicht immer nur eine Ausrede. Nicht jeder, der hinter einer großen Fahne steht, ist ein Ultra.
Warum ist es so schwer, Missetäter in überwachten Fankurven zu erkennen?
Von welchen Problemen reden wir? Einige pyrotechnische Aktionen sind außer Rand und Band geraten, da waren die Leute aber vermummt. Entsprechend schwer ist es, sie zu identifizieren.
Ultra zu sein, das ist ein Lebensstil, auch unter der Woche. Wie zeigt sich das?
Wenn man die Choreografien anschaut, da gehen einige Abende dabei drauf. Man trifft sich in eigenen Räumen, im Fanprojekt oder in der Kneipe. Die Ultras verbringen ihre Freizeit miteinander und bereiten das nächste Spiel vor.
Eine extrem hohe Professionalisierung kennzeichnet den Fußball, die Distanz zum Publikum wächst. Professionalisiert sich deshalb auch der Fan?
Das könnte man so sagen.
Begeistert Sie das als Fanarbeiter?
Ultras haben viel Positives gebracht. Auch beim Thema Rassismus. Die meisten Ultras sind nicht für jede dumme Parole zu haben. In der Regel sind das Leute, die gut für sich selbst sprechen können und gewitzt sind, wie man an manchem Kurvenflyer sieht. Natürlich zeigt manche Gruppe eine überzogene Gewaltbereitschaft. Aber im Prinzip ist die Bewegung positiv und von innen reformierbar, etwa durch die Arbeit der Fanbetreuer.
Wie hoch ist das Gewaltpotenzial?
In der Mehrzahl haben wir es mit jungen Männern zu tun. Da gibt es ein hohes Macho-potenzial, eine Freude auch an der Provokation. Aber man darf nicht alles den Ultras unterjubeln. In Zügen sorgen oft die ganz normale Fans, die zu viel getrunken haben, für schlechte Stimmung und machen andere Fahrgäste an.
Aber das Gewaltpotenzial ist da?
Ja. Aber das gibt es nicht nur im Umfeld des Fußballs. Das gibt es auf jedem Volksfest.
Verharmlosen Sie nicht? Es werden Fanbusse angegriffen, Spieler bedroht.
Ich will nichts verharmlosen. Solche Taten sind nicht hinnehmbar. Aber wenn Ultras sich mit Ultras raufen wollen, ist das für mich etwas anderes. Und Sprüche wie „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot“ kommen auch von der Haupttribüne.
Welche Rolle spielen die Vereine?
Sie profitieren von den Ultras. Zugleich aber ist da die ständige Angst vor Gewaltausbrüchen. Sind die Vereine hilflos? Es kommt auf den Verein an. Es gibt Clubs mit viel Gespür für die richtige Ansprache. Aber es gibt auch Vereine, die am liebsten alles unter den Teppich kehren. Vielleicht ist auch Überforderung im Spiel. Da kann ich nur sagen: Holt euch Expertisen von Fanprojekten und Fanbeauftragten! Nicht umsonst hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) vorgeschrieben, dass jeder Club in der ersten und zweiten Liga einen hauptamtlichen Fanbeauftragten haben muss.
Zuletzt scheint sich die Szene radikalisiert zu haben. Welche Rolle spielt die Tatsache, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die DFL Gespräche mit der Szene unter dem Motto „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ unvermittelt abgebrochen haben?
Es hat die Bereitschaft, Pyrotechnik zu verwenden, nur verstärkt. Man muss unterscheiden. Natürlich ist Pyrotechnik im Stadion verboten. Aber die Missachtung des Verbots ist nicht gleichzusetzen mit Angriffen auf Fanbusse. Die meisten Gruppen verzichten auf Böller und Leuchtspurgeschosse. Sie halten Bengalos hoch und legen sie nach dem Abbrennen zu Boden. Viele in den Kurven appellieren an die Feuerwerker, man könne auch ohne Feuerwerk anfeuern. Diese Diskussion muss in den Szenen geführt werden. Übrigens ging es bei den Gesprächen lediglich darum, unter den herrschenden gesetzlichen Bestimmungen kleine Freiräume auszuloten. Ein guter Ansatz.
Beim Runden Tisch wird mit Strafverschärfungen gedroht werden und längeren Stadionverboten, unter Umständen lebenslang. Beeindruckt das die Szene?
Die Szene hält das für völlig überzogen. Wenn einer in 17 Spielen einmal ein Bengalo hochhält – muss man ihn dafür mit lebenslangem Stadionverbot belegen? Es ist richtig, wenn die Politik sagt, dass es im Stadion keinen rechtsfreien Raum geben darf. Aber der Fan, der einer Straftat verdächtigt wird, hat auch Rechte.
Aus solchen Forderungen spricht die Ohnmacht der Politik. Sie muss zusehen, wenn Bengalos in den Fünfmeterraum fliegen. Und muss erklären, warum Stadien mit viel Steuergeld sicher gemacht werden müssen.
Ganz klar, Pyrotechnik hat auf dem Spielfeld nichts zu suchen. Aber das sind einzelne Taten. Auch beim Thema „Gewalt im Stadion“ sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Laut der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze haben wir in der vergangenen Saison etwas mehr als 800 verletzte Personen bei 17,4 Millionen Zuschauern gezählt. Natürlich ist das nicht akzeptabel. Aber die Zahlen zeigen, dass es sich um ein relativ überschaubares Problem handelt.
Volker Goll 1961 geboren. Ausbildung zum Mediengestalter. Hat im Fußball schon alles gemacht: unterklassig gespielt, Kinder trainiert, ein Fanmagazin herausgegeben. Seit 1998 in der Fanarbeit, ist er heute Vizechef der Koordinierungsstelle Fanprojekte in Frankfurt.









