Fanprojekt Halle

Polizeieinsätze statt Fanarbeit

Mit DFB-Unterstützung sollen Fanprojekte Gewalt in den Stadien verhindern. Doch es fehlt an Personal und Geld. Die Millionen fließen woanders hin.

Nun also Münster. Die Anhänger des SC Preußen, der die Regionalliga West anführt, erhalten ein sozialpädagogisches Fanprojekt, es ist das 49. in Deutschland. Warum Münster?

Diese Frage hört Michael Gabriel oft, schließlich gilt die Szene nicht als gewaltsuchend oder rechtsextrem. "Das ist der falsche Ansatz", antwortet Gabriel. Seit 1996 ist er für die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Frankfurt tätig, die zu zwei Dritteln durch das Bundesfamilienministerium und zu einem Drittel durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) finanziert wird, seit 2006 leitet er sie. "Fanprojekte sollen Fanszenen nicht in erster Linie befrieden", sagt Gabriel. "Wir leisten keine Arbeit für die Fußballvereine, sondern für die Jugendlichen, die sich zum Fußball hingezogen fühlen. Wir begleiten sie in die bürgerliche Gesellschaft."

 

Gabriel und seine Kollegen bieten Hausaufgabenhilfe, veranstalten Kicker-Turniere, leisten Beratungshilfe. Sie erschaffen eine kreative Erlebniswelt rund um den Fußball, denn weniger Sorgen unter den Fans führen zu weniger Frust. Weniger Frust führt zu weniger Konflikten. Weniger Konflikte führen zu einer Bereitschaft, Argumente abzuwägen und komplexen Lösungen zu trauen – die Basis für Prävention im weiteren Sinne, gegen Gewalt, gegen Rechtsextremismus. Dabei sind die Projekte unabhängig, sie basieren auf dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, nicht auf der DFB-Satzung.

Die Geschichte der präventiven Fanarbeit ist eine Geschichte von Rechtfertigung und Überlebenskampf. Wissenschaftler hatten 1981 in Bremen den Anfang gemacht. Vor dem Pokalspiel des Hamburger SV gegen Werder Bremen am 16. Oktober 1982 geriet dann der 16-jährige Werder-Fan Adrian Maleika in einen Hinterhalt. Er wurde vom Stein eines Hamburger Hooligans getroffen, am Tag darauf starb er an den Folgen eines Schädelbasisbruchs. Nun wurde auch in Hamburg ein Fanprojekt gegründet.

Der DFB verdrängte die Probleme lange, wollte mit den Sozialarbeitern nichts zu tun haben. "Wir wurden für Exoten gehalten", sagt Thomas Schneider, der die Fan-Betreuung seit fast dreißig Jahren prägt, seit August 2006 als Fan-Koordinator der Deutschen Fußball-Liga (DFL). "Einer der großen Klubmanager hatte zu uns gesagt, wir seien arbeitslose Akademiker, die sich auf Kosten des Fußballs einen Job verschaffen würden."

Der organisierte Fußball öffnete sich erst langsam. Im März 1991 randalierten Hunderte Dresdner Fans beim Europapokalspiel gegen Roter Stern Belgrad, die Partie wurde abgebrochen. Der Vorfall löste eine Sicherheitsdebatte aus. Die Probleme wuchsen dem DFB über den Kopf. Das Ergebnis war 1992 das Nationale Konzept Sport und Sicherheit (NKSS).

Darin wurden Richtlinien festgeschrieben. Es ging um bauliche Maßnahmen in den Arenen, Stadionverbote, Ordnerdienste. Und um Fanprojekte. Laut NKSS sollen die zu je einem Drittel vom DFB, Kommunen und Ländern getragen werden. "Wir sind das einzige Land der Welt, das sich so etwas leistet", verkündete Wilhelm Hennes, der damalige Sicherheitschef des DFB. Doch bis heute konnte das Nationale Konzept Sport und Sicherheit nicht vollständig umgesetzt werden.

 "Ein gesellschaftlicher Skandal"

Nach Einschätzung des KOS-Leiters Michael Gabriel ist höchstens ein Zehntel der Projekte mit dem wunschgemäßen Jahresetat von 180.000 Euro ausgestattet.  Rund sechs Millionen Euro werden jährlich für die Sozialarbeit aufgewendet. Laut Sachbericht der KOS vom Mai 2010 beteiligen sich mittlerweile alle Bundesländer an der Finanzierung: ihre Leistung liegt jährlich bei 1,7 Millionen Euro. Um den NKSS-Standard zu erfüllen, wären 2,8 Millionen Euro erforderlich. Gemessen am Gesamtaufwand steuern die Kommunen mit mehr als 2,1 Millionen Euro den größten Beitrag bei.

Die Fußballverbände, die DFL in den oberen beiden Ligen und der DFB darunter, tragen zwei Millionen Euro zur Finanzierung der Fanprojekte bei. Vor drei Jahren haben sie ihre Höchstfördersumme für ein Projekt auf 60.000 Euro erhöht, unabhängig von der Liga-Zugehörigkeit des betroffenen Vereins. Weil sich die Verbände bei der Höhe ihrer Zahlungen stets nach der öffentlichen Hand richten, könnten etwa 880.000 Euro mehr fließen, wenn Kommunen und Länder ebenfalls 60.000 Euro pro Projekt zahlen würden.

Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Thüringen und Sachsen haben sich lange gegen die Drittelfinanzierung gestellt, oft scheiterte die Sozialarbeit auch an den Kommunen. "Auf keinem anderen Feld der Jugendförderung und Sozialarbeit haben die Kommunen Partner, die für jeden eingestellten Euro zwei Euro dazuschießen", sagt Helmut Spahn, Sicherheitsbeauftragter des DFB. Selbst in der ersten Liga sind noch immer vier Standorte ohne Fanprojekt: Stuttgart, Freiburg, Hoffenheim und Mönchengladbach. Zumindest in Stuttgart soll sich das in wenigen Monaten ändern.

So bewegt sich die Mehrheit der Fanprojekte noch immer am Existenzminimum. Die laut NKSS geforderten drei Pädagogen plus Verwaltungskraft sind ein Wunsch geblieben, im Schnitt sind weniger als zwei Hauptamtliche in den Projekten angestellt. Allein in der ersten und zweiten Liga müssten 23 Stellen zusätzlich besetzt werden. "Es wäre naiv, darüber enttäuscht zu sein", sagt Michael Gabriel, die Jugendarbeit in Deutschland habe überall mit Problemen zu kämpfen. "Jedes Fanprojekt ist unterfinanziert. Wenn man die Kosten der Polizei an den Spieltagen ins Verhältnis zu den Kosten der sozialen Arbeit setzt, die langfristig und nachhaltig wirkt, dann sehen wir eine riesige Diskrepanz."

Rund 100 Millionen Euro haben Polizeieinsätze im Fußball laut Innenministerkonferenz in der Saison 2009/2010 gekostet. Von dieser Summe ließe sich Fanarbeit fast 17 Jahre lang finanzieren. Gabriel sagt: "Diese Diskrepanz ist ein gesellschaftlicher Skandal. Aber leider wird sich daran nichts ändern."