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Fußball-Gewalt auf Höhepunkt

Zehn Punkte und ein festgefahrener Dialog - Die Gewalt hat angeblich einen neuen Höhepunkt erreicht. Der deutsche Profifußball traut dem Jahresbericht mit erschreckenden Zahlen aber nicht so recht. Probleme gibt es nicht nur mit den Ultras. - Von Michael Horeni, Berlin

Vor einem Jahr haben der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) einen Zehnpunkteplan vorgelegt, um die Gewalt im Profifußball einzudämmen. In diesem Monat aber hat es der Fußball schriftlich bekommen, dass die Gewalt einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Das geht aus dem Jahresbericht 2009/2010 der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) hervor, die bundesweit Fußball-Gewalttäter beobachtet und registriert.

Zu neuen Höchstständen ist es in der Vorsaison bei der Zahl der eingeleiteten Strafverfahren (6043) gekommen, den Verletzten (784, davon 219 Polizeibeamte) - dem Höchststand seit zwölf Jahren - und den Arbeitsstunden der Polizei (1,76 Millionen). Die gewalttätigen Ausschreitungen bewegen sich demnach seit der Spielzeit 1998/99 auf einem saisonal schwankenden, jedoch zunehmend höheren Niveau. Die eingeleiteten Strafverfahren liegen fast fünfzig Prozent über dem Durchschnitt der vergangenen zwölf Jahre. „Eine Trendwende, die einen Rückgang des gewaltbereiten Potentials in den Anhängerschaften der Vereine der Bundes- bis Regionalligen indizieren würde, ist weiterhin nicht erkennbar“, heißt es im Ausblick des Jahresberichts 2009/2010.

Die Gewalt im deutschen Fußball ist vielfältig

Am Donnerstag hat die DFL ihre erste Bilanz des Zehnpunkteplans gezogen. Die Daten der ZIS und die damit einhergehende negative Stimmung haben der Profivertretung überhaupt nicht gefallen. So pauschal von neuen Höchstständen der Gewalt zu reden, sei wenig hilfreich, sagte Liga-Präsident Reinhard Rauball. Es wird in Fußballkreisen, allerdings hinter vorgehaltener Hand, auch an der Aussagekraft der Zahlen gezweifelt - andere aber gibt es nicht.

Ultras als ernstes und immer größeres Problem

„Der Zehnpunkteplan für mehr Sicherheit im Fußball wurde mit zahlreichen Einzelmaßnahmen und Projekten im vergangenen Jahr konsequent umgesetzt“, sagte Rauball. In den vergangenen Monaten habe man an „strukturellen Veränderungen“ gearbeitet. Man müsse die Statistik für die aktuelle Saison abwarten. Kommen die mit 25 Millionen Euro finanzierten Maßnahmen auch bei den richtigen Leuten an? „Das lässt sich heute nicht seriös beantworten“, sagte Rauball.

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Es geht im Kampf um Sicherheit im Fußball nicht zuletzt um die Ultras. Rauball sprach von einem „festgefahrenen Dialog“, den man wieder in Gang bringen wolle. „Es wäre gefährlich, wenn dieser Zustand aufrechterhalten bleibt.“ Die Ultraszene wird im Jahresbericht der ZIS als ernstes und immer größeres Problem dargestellt. Der Polizei liegen demnach Hinweise vor, dass der Einfluss der Ultraszenen in offiziellen Gremien der jeweiligen Klubs schon so weit reicht, dass er sich auch bei der Umsetzung der einheitlichen DFB-Richtlinie von Stadionverboten bemerkbar mache.

„So werden durch die Polizeibehörden an die Vereine gerichtete Anträge auf das Aussprechen bundesweit wirksamer Stadionverbote häufig erst mit deutlicher Verzögerung umgesetzt oder in Gänze abgelehnt“, heißt es im Jahresbericht. „Auch dies ist ein Indiz dafür, dass sich Teile der deutschen Ultraszenen ihren erklärten Vorbildern in Italien immer mehr annähern, die durch organisiertes Auftreten gegenüber den Stadioneignern, den -betreibern, den Vereinen, dem Verband und auch Teilen der lokalen Politik den ,Druck der Straße' erhöhen, um sich mehr oder weniger rechtsfreie Räume zu schaffen.“

„Es handelt sich nicht um ein Fan-Problem“

Die Gewalt im deutschen Fußball jedoch ist vielfältig, Momentaufnahmen aus diesem Monat: 1. April: Beim Erstliga-Spiel St. Pauli gegen Schalke wirft ein Zuschauer einen Bierbecher in den Nacken des Schiedsrichterassistenten. Die Partie wird abgebrochen. „Es handelt sich nicht um ein Fan-Problem. Der Bierbecherwerfer kam nicht aus dem Fan-Block, sondern aus dem Business-Seats-Bereich“, sagt St. Paulis Vizepräsident Spieß.

16. April: In der Niederrheinliga wird das Spitzenspiel zwischen Germania Ratingen und Tabellenführer KFC Uerdingen nach Krawallen abgebrochen. Nachdem Feuerwerkskörper und eine Rauchbombe fliegen, stürmt die Polizei den Uerdinger Block. Die Polizei setzt Pfefferspray ein, 14 Menschen werden verletzt, drei schwer. Auch der Vorsitzende des KFC muss von einem Notarzt behandelt werden. Er wollte die Fans beruhigen. „Ich habe noch mit dem Beamten gesprochen und ihm gesagt, wer ich bin und dass er mich mit den Fans reden lassen soll. Dann hebt er ohne Vorwarnung die Flasche und sprüht mir mitten ins Gesicht“, sagte KFC-Präsident Kourkoudialos. Er kündigt Anzeige an. Das Innenministerium in Nordrhein-Westfalen beschäftigt sich mit dem Polizeieinsatz.

Offener Dialog und ein langer Prozess

17. April: Fans von Hannover 96 greifen Anhänger des FC St. Pauli an. Die Hannoveraner, auf der Rückfahrt vom Spiel beim HSV, und die St. Pauli-Fans, die aus Wolfsburg kommen, müssen in Uelzen umsteigen, dort gehen sie aufeinander los. Wegen der Ausschreitungen wird die Bahnstrecke Hamburg-Hannover gesperrt. Die Bundespolizei ermittelt wegen Sachbeschädigung, Landfriedensbruch und gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr.

Der DFL-Beauftragte Thomas Schneider glaubt, dass eine Wende im Kampf gegen Gewalttäter und Teile der Ultraszene am meisten Erfolg verspricht, wenn die Fans an der Lösung des Problems beteiligt sind, sie über die Regeln mitentscheiden können und dann auf deren Einhaltung pochen - und sie die Regeln nicht übergestülpt bekommen. Außerdem brauche man dazu einen offenen Dialog zwischen den verschiedenen Einsatzkräften und den so unterschiedlichen Fan- und Ultra-Gruppierungen. Daran werde intensiv gearbeitet, sagte Schneider, aber das alles sei ein langer Prozess.

Text: F.A.Z.

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